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Schreiben, aber wie?

Kleines Dissertations-ABC: E wie Evidenzen

Evidenzen braucht man…

Promovierende sind oft sehr darauf fixiert, einen wirklich neuen, originellen Beitrag zur Forschung zu liefern. Das ist natürlich überhaupt nicht falsch. Forschung profitiert von immer neuen Ideen und Ansätzen und Ehrgeiz schadet auch meist nicht. Aber es wird hier doch etwas Wichtiges verkannt, nämlich dass Fortschritt oft nicht viel mit bahnbrechenden Thesen oder ganz neuen, noch nie verwendeten Methoden zu tun hat. Vielmehr leisten auch gerade diejenigen einen wichtigen Beitrag zum Vorankommen einer wissenschaftlichen Community, die besonders gründlich argumentieren und abwägen oder neue Belege für (oder gegen) eine These aufs Tableau bringen. Hier rückt etwas anderes in den Mittelpunkt der Betrachtung: die Evidenzen bzw. Belege, die gesammelt und vorgebracht werden.

In ihrem Buch „The Craft of Argument“ präsentieren uns Williams und Colomb eine sehr nützliche Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Argumentationsebenen – Gründen (Reasons) und Evidenzen (Evidence). Betrachten wir dazu ein Beispiel: Nehmen wir an, ich schreibe eine Arbeit über den Philosophen David Hume, in der ich für eine bestimmte Lesart seiner Emotionstheorie argumentieren möchte. Das tue ich nicht einfach so oder aus Lust und Laune heraus. Vielmehr denke ich, dass nur diese Lesart uns erlaubt, Hume eine kohärente Emotionstheorie zuzuschreiben. Das ist also der zentrale Grund, den ich für meine These anführen kann. Die Evidenzen sind nun in diesem Fall vor allem die konkreten Textstellen, die ich vorlegen kann, um diese Behauptung weiter zu unterfüttern. Das werden erstens solche Textpassagen sein, mithilfe derer ich zeigen kann, dass sich hier eine kohärente Theorie ergibt und zweitens solche, mit denen sich aufzeigen lässt, dass das bei anderen Lesarten nicht der Fall ist.

Gerade in den Geisteswissenschaften fungieren Textpassagen oft als wichtige Evidenzen. Aber natürlich wird nicht nur in diesen Fächern argumentiert und natürlich sind wir auch nicht auf diese Art von Evidenzen festgelegt, sondern können noch auf andere Materialien zurückgreifen, um unsere Behauptungen zu stützen. Dazu gehören u.a. Messdaten, Daten aus Interviews, Beobachtungen usw. Was alles angeführt werden kann, hängt von der These, aber auch vom Fach bzw. der Fachcommunity ab, an die sich eine Doktorarbeit richtet.

Nur nicht denkfaul sein…

Wie Don Murray betont, ist es wichtig, sich nicht zu früh zufrieden zu geben: Oft haben wir nämlich die Tendenz, ein bisschen denkfaul zu sein, wenn es um das Beibringen von Evidenzen geht. Wir konzentrieren uns dann auf einen bestimmten Typ von Daten, anstatt unser Netz (zumindest einmal testweise) etwas weiter auszuwerfen. Um nochmal das fiktive Beispiel zu bemühen: Vielleicht ist es tatsächlich so, dass es Textpassagen in Humes Werk gibt, die auf eine andere Interpretation seiner Emotionstheorie hindeuten. Vielleicht lohnt es aber auch, einmal zu schauen, wie die Zeitgenossen Humes seine Einlassungen verstanden haben. Auch das kann Hinweise darauf geben, dass etwas mit der alternativen Textinterpretation nicht stimmt. In anderen Worten: Wir sollten beim Schreiben darüber nachdenken, welche Arten von Daten hier als Beleg dienen könnten und ob es sich im konkreten Fall lohnt, noch weitere hinzuzuziehen.

Nicht mauern, aber auch das Blatt nicht überreizen

Eine zweite wichtige Frage betrifft die Stärke der angeführten Evidenzen und ihr Verhältnis zur These, für die ich argumentieren will. Reichen die Belege, die ich hier anbringen kann, aus, um meine These zu stützen? Vielfach merkt man schon beim Schreiben (spätestens aber beim Überarbeiten), dass das eigentlich nicht ganz der Fall ist. Das Material, das man gesammelt hat, deutet zwar auf etwas hin, aber wirklich ausreichend ist es nicht. In diesem Fall gibt es mehre Möglichkeiten, wie man weiter verfahren kann. Häufig ist die sinnvollste Lösung, sich auf die Suche nach weiteren Evidenzen zu machen, um tatsächlich die Aussage besser stützen zu können. In manchen Fällen ist aber absehbar, dass das vielleicht nicht ausreichen wird. In diesen Fällen lohnt es sich zu fragen, ob man nicht die Kernaussage des Textes abschwächen kann. Wichtig ist dann natürlich, dass sie trotzdem für die Fachcommunity noch interessant bleibt.

Manchmal machen Schreibende aber auch den gegenteiligen Fehler. Sie wollen besonders vorsichtig sein und formulieren deshalb eine sehr schwache These (um sich nicht angreifbar zu machen). Solche übervorsichtig formulierten Thesen sind für andere Forschende aber meist nicht besonders interessant (weil sie eben so schwach sind, dass jede(r) ihnen zustimmen würde). Es ist also wie beim Skat: Man sollte das Blatt nicht überreizen, aber mauern muss man deshalb auch nicht.

Andere Fächer, andere Sitten

Weitere Fragen dazu, wie man eine These belegen kann, kommen auf, wenn man in interdisziplinären Kontexten arbeitet. Hier steht man häufig vor dem Problem, dass bestimmte Grundannahmen divergieren. Dazu gehört auch der Blick auf die Evidenzen, die man vorbringt. Eine Erhebungsmethode, die in einer Fachcommunity breit akzeptiert wird, kann in einer anderen durchaus mit Skepsis beäugt werden. Das hat weniger mit Beliebigkeit, sondern meistens vielmehr mit forscherischen Zielen zu tun. Gerade wenn man interdisziplinär forscht, sollte man sich deshalb auch immer überlegen, wie die Haltung des jeweiligen Publikums zu den Evidenzen ist. Es geht also auch hier darum, sich zu fragen, wen man überzeugen will, für welche Forschungscommunity man einen Beitrag leisten möchte und welche Schritte notwendig sind, damit für diese Community die beigebrachten Evidenzen überzeugend wirken. Dabei geht es nicht um rein rhetorische Finten, sondern um eine echte Auseinandersetzung mit den Gepflogenheiten und Ansichten in dieser Community.

Literatur zu E wie Evidenzen

  • Joseph M. Williams, Gregory G. Colomb, The Craft of Argument, Pearson 2000.
    Ein wunderbares Lehrbuch zum schreibenden Argumentieren. Aufbauend auf Toulmins Argumentationsmodell geben die Autoren eine sehr gut anwendbare Schreib-Anleitung für BA-Studierende, die aber auch für Doktorand:innen und Postdocs noch lesenswert ist.
  • Don M. Murray, The Craft of Revision, Heinle & Heinle 2003.
    Dieses Buch bietet großartige Hilfestellung für Doktorand:innen und Postdocs, auch wenn es nicht primär für den akademischen Bereich geschrieben wurde. Als Journalist (und Lehrender) macht sich Murray unter anderem dazu Gedanken, welche Art von Evidenzen wir in welchen Kontexten heranziehen können. 
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