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Schreiben, aber wie?

Kleines Dissertations-ABC: E wie Evidenzen

Evidenzen braucht man…

Promovierende sind oft sehr darauf fixiert, einen wirklich neuen, originellen Beitrag zur Forschung zu liefern. Das ist natürlich überhaupt nicht falsch. Forschung profitiert von immer neuen Ideen und Ansätzen und Ehrgeiz schadet auch meist nicht. Aber es wird hier doch etwas Wichtiges verkannt, nämlich dass Fortschritt oft nicht viel mit bahnbrechenden Thesen oder ganz neuen, noch nie verwendeten Methoden zu tun hat. Vielmehr leisten auch gerade diejenigen einen wichtigen Beitrag zum Vorankommen einer wissenschaftlichen Community, die besonders gründlich argumentieren und abwägen oder neue Belege für (oder gegen) eine These aufs Tableau bringen. Hier rückt etwas anderes in den Mittelpunkt der Betrachtung: die Evidenzen bzw. Belege, die gesammelt und vorgebracht werden.

In ihrem Buch „The Craft of Argument“ präsentieren uns Williams und Colomb eine sehr nützliche Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Argumentationsebenen – Gründen (Reasons) und Evidenzen (Evidence). Betrachten wir dazu ein Beispiel: Nehmen wir an, ich schreibe eine Arbeit über den Philosophen David Hume, in der ich für eine bestimmte Lesart seiner Emotionstheorie argumentieren möchte. Das tue ich nicht einfach so oder aus Lust und Laune heraus. Vielmehr denke ich, dass nur diese Lesart uns erlaubt, Hume eine kohärente Emotionstheorie zuzuschreiben. Das ist also der zentrale Grund, den ich für meine These anführen kann. Die Evidenzen sind nun in diesem Fall vor allem die konkreten Textstellen, die ich vorlegen kann, um diese Behauptung weiter zu unterfüttern. Das werden erstens solche Textpassagen sein, mithilfe derer ich zeigen kann, dass sich hier eine kohärente Theorie ergibt und zweitens solche, mit denen sich aufzeigen lässt, dass das bei anderen Lesarten nicht der Fall ist.

Gerade in den Geisteswissenschaften fungieren Textpassagen oft als wichtige Evidenzen. Aber natürlich wird nicht nur in diesen Fächern argumentiert und natürlich sind wir auch nicht auf diese Art von Evidenzen festgelegt, sondern können noch auf andere Materialien zurückgreifen, um unsere Behauptungen zu stützen. Dazu gehören u.a. Messdaten, Daten aus Interviews, Beobachtungen usw. Was alles angeführt werden kann, hängt von der These, aber auch vom Fach bzw. der Fachcommunity ab, an die sich eine Doktorarbeit richtet.

Nur nicht denkfaul sein…

Wie Don Murray betont, ist es wichtig, sich nicht zu früh zufrieden zu geben: Oft haben wir nämlich die Tendenz, ein bisschen denkfaul zu sein, wenn es um das Beibringen von Evidenzen geht. Wir konzentrieren uns dann auf einen bestimmten Typ von Daten, anstatt unser Netz (zumindest einmal testweise) etwas weiter auszuwerfen. Um nochmal das fiktive Beispiel zu bemühen: Vielleicht ist es tatsächlich so, dass es Textpassagen in Humes Werk gibt, die auf eine andere Interpretation seiner Emotionstheorie hindeuten. Vielleicht lohnt es aber auch, einmal zu schauen, wie die Zeitgenossen Humes seine Einlassungen verstanden haben. Auch das kann Hinweise darauf geben, dass etwas mit der alternativen Textinterpretation nicht stimmt. In anderen Worten: Wir sollten beim Schreiben darüber nachdenken, welche Arten von Daten hier als Beleg dienen könnten und ob es sich im konkreten Fall lohnt, noch weitere hinzuzuziehen.

Nicht mauern, aber auch das Blatt nicht überreizen

Eine zweite wichtige Frage betrifft die Stärke der angeführten Evidenzen und ihr Verhältnis zur These, für die ich argumentieren will. Reichen die Belege, die ich hier anbringen kann, aus, um meine These zu stützen? Vielfach merkt man schon beim Schreiben (spätestens aber beim Überarbeiten), dass das eigentlich nicht ganz der Fall ist. Das Material, das man gesammelt hat, deutet zwar auf etwas hin, aber wirklich ausreichend ist es nicht. In diesem Fall gibt es mehre Möglichkeiten, wie man weiter verfahren kann. Häufig ist die sinnvollste Lösung, sich auf die Suche nach weiteren Evidenzen zu machen, um tatsächlich die Aussage besser stützen zu können. In manchen Fällen ist aber absehbar, dass das vielleicht nicht ausreichen wird. In diesen Fällen lohnt es sich zu fragen, ob man nicht die Kernaussage des Textes abschwächen kann. Wichtig ist dann natürlich, dass sie trotzdem für die Fachcommunity noch interessant bleibt.

Manchmal machen Schreibende aber auch den gegenteiligen Fehler. Sie wollen besonders vorsichtig sein und formulieren deshalb eine sehr schwache These (um sich nicht angreifbar zu machen). Solche übervorsichtig formulierten Thesen sind für andere Forschende aber meist nicht besonders interessant (weil sie eben so schwach sind, dass jede(r) ihnen zustimmen würde). Es ist also wie beim Skat: Man sollte das Blatt nicht überreizen, aber mauern muss man deshalb auch nicht.

Andere Fächer, andere Sitten

Weitere Fragen dazu, wie man eine These belegen kann, kommen auf, wenn man in interdisziplinären Kontexten arbeitet. Hier steht man häufig vor dem Problem, dass bestimmte Grundannahmen divergieren. Dazu gehört auch der Blick auf die Evidenzen, die man vorbringt. Eine Erhebungsmethode, die in einer Fachcommunity breit akzeptiert wird, kann in einer anderen durchaus mit Skepsis beäugt werden. Das hat weniger mit Beliebigkeit, sondern meistens vielmehr mit forscherischen Zielen zu tun. Gerade wenn man interdisziplinär forscht, sollte man sich deshalb auch immer überlegen, wie die Haltung des jeweiligen Publikums zu den Evidenzen ist. Es geht also auch hier darum, sich zu fragen, wen man überzeugen will, für welche Forschungscommunity man einen Beitrag leisten möchte und welche Schritte notwendig sind, damit für diese Community die beigebrachten Evidenzen überzeugend wirken. Dabei geht es nicht um rein rhetorische Finten, sondern um eine echte Auseinandersetzung mit den Gepflogenheiten und Ansichten in dieser Community.

Literatur zu E wie Evidenzen

  • Joseph M. Williams, Gregory G. Colomb, The Craft of Argument, Pearson 2000.
    Ein wunderbares Lehrbuch zum schreibenden Argumentieren. Aufbauend auf Toulmins Argumentationsmodell geben die Autoren eine sehr gut anwendbare Schreib-Anleitung für BA-Studierende, die aber auch für Doktorand:innen und Postdocs noch lesenswert ist.
  • Don M. Murray, The Craft of Revision, Heinle & Heinle 2003.
    Dieses Buch bietet großartige Hilfestellung für Doktorand:innen und Postdocs, auch wenn es nicht primär für den akademischen Bereich geschrieben wurde. Als Journalist (und Lehrender) macht sich Murray unter anderem dazu Gedanken, welche Art von Evidenzen wir in welchen Kontexten heranziehen können. 
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Kleines Dissertations-ABC: B wie Blind-Begutachtung…

Warum denn blind?

Es wird zunehmend üblich, schon während der Promotionsphase Artikel bei Fachzeitschriften einzureichen. Artikel in Fachzeitschriften sind wichtig – natürlich zuerst einmal für diejenigen, die kumulativ promovieren, zum anderen aber auch für alle, die nach der Promotion gerne in der Forschung bleiben wollen. Wer es schafft, einen Artikel in einer renommierten Zeitschrift unterzubringen, der beweist, dass seine Ideen in der größeren Forschungscommunity als relevant eingestuft werden.

Damit kommt ein wichtiges Thema ins Spiel: die Blindbegutachtung. Tatsächlich gilt inzwischen in vielen Fächern die sogenannte „doppelblinde“ Begutachtung (double blind peer review) als Goldstandard. Damit ist gemeint, dass sowohl die Gutachter:innen wie auch die Begutachteten im Prozess anonym bleiben. Wer begutachtet wird, weiß also nicht, wer das Gutachten verfasst hat, und wer gutachtet, weiß nicht, von wem der Artikel stammt.

Das Verfahren ist beliebt, weil es eine objektive Sicht auf die wissenschaftliche Qualität der eingereichten Artikel verspricht. Selbst bei einem negativen Gutachten müssen die Gutachter:innen keine negativen Konsequenzen fürchten. Sie kommen auch gar nicht erst in Versuchung, einen Artikel nur aus Gefälligkeit positiv zu evaluieren. Vielmehr können sie sich ganz auf die Fragen konzentrieren, die zählen: Leistet dieser Artikel einen wichtigen Beitrag zur Forschungslandschaft? Schließt er eine (relevante) Wissenslücke? Ist er gut gearbeitet?

Es gibt also gewichtige Gründe, die für diese Form der Begutachtung sprechen. Trotz dieser offenkundigen Vorteile wird auch immer wieder Kritik an dem Verfahren geäußert. Und ja, sicherlich, es gibt auch Nachteile: Einerseits sind Gutachter:innen Menschen mit bestimmten wissenschaftlichen Positionen. Auch wenn sie sich größte Mühe geben, offen und fair zu sein, so ist doch fraglich, ob das immer gelingt. Oft ist es deshalb leichter, einen Artikel zu veröffentlichen, der die bestehende, vorherrschende Meinung bestätigt als einen, der sie weitreichend hinterfragt. Kritiker:innen werden deshalb auch nicht müde, auf gelobte und häufig zitierte Artikel zu verweisen, die im „Peer Review Verfahren“ zunächst scheppernd durchgefallen sind.

Ich will diese größeren Fragen über Sinn und Unsinn, Vor- und Nachteile von Peer-Review hier beiseitelassen. Stattdessen geht es mir um die Frage, welche praktischen Schwierigkeiten für die Schreibenden bei der Auseinandersetzung mit den Gutachten auftreten und wie man trotzdem produktiv damit umgehen kann.

„I hate rejections…”

„I hate rejections. I hate them and I get them all the time” sagte einmal ein höchst renommierter Kollege mit entwaffnender Ehrlichkeit zu mir. Viele Forscher:innen sind da weniger offen. Aber unabhängig davon, ob sie es nun zugeben oder nicht, die Ablehnungsquoten renommierter Journale sprechen ohnehin eine deutliche Sprache: Die meisten Artikel werden einmal oder sogar mehrfach abgelehnt, bis sie dann einige Runden später endlich publiziert werden. Auf Absagen muss man sich also einstellen. Rein idealistisch betrachtet ist eine Ablehnung ja auch nichts Schlimmes. Eine Absage sagt erstmal nur: Der Artikel ist noch nicht so weit. Wir müssen weiter an ihm feilen, weiter planen und schreiben, um dann, in der nächsten Runde, hoffentlich erfolgreich zu sein.

Allerdings gibt es Arten der Absage, die den Forschenden viel abverlangen. Es kursieren jede Menge Horror-Geschichten über abwertende und demotivierende Gutachterkommentare. Das ist wohl die Kehrseite der Anonymität: Manche Gutachter:innen nutzen die Gelegenheit schamlos aus, um sich noch einmal schriftlich der eigenen Überlegenheit zu versichern. Das ist natürlich unangenehm und unprofessionell. Manche Zeitschriften haben inzwischen auf diesen Missstand reagiert und geben Gutachter:innen einen detaillierten Leitfaden an die Hand. Das ist hilfreich, aber hier müsste sicherlich noch mehr passieren. Dazu würde eine breitere Diskussion darüber beitragen, was ein „gutes Gutachten“ eigentlich auszeichnet, genauso wie geeignete Schreibworkshops für Doktorand:innen und Postdocs (die ja nicht nur Begutachtete, sondern oft durchaus schon auch Gutachtende sind).

Revise and Resubmit – ohne Schreibblockade und Verzweiflung

Auch wohlmeinende und sachlich fundierte Gutachten stellen Autor:innen nicht selten vor gravierende Schwierigkeiten. Ein Problem liegt hier schlicht in der Natur der Sache. Oft schlagen Gutachter:innen sehr weitreichende Veränderungen des Artikels vor. Nun hat man aber meist schon vor Abgabe ziemlich lange daran gesessen, sich Gedanken gemacht, was wo hinkommt, welche Argumente man vorbringen und welche man eher beiseitelassen will usw. Zu diesem Zeitpunkt ist es schwierig, noch einmal so weitreichend in einen Text einzugreifen, den man für sich selbst ja schon als „fertig“ deklariert hat. Es droht die „revise and resubmit“ Denk- und Schreibblockade.  

Möchte man diesen unproduktiven Zustand vermeiden, muss man irgendwie dahin zurück, das Geschriebene wieder als offen, als Entwurf und als (um-)gestaltbar zu begreifen. Hier kann es helfen, den Text selbst zunächst beiseitezulegen, und erstmal frei reflektierend über das Gutachten und den eigenen Artikel zu schreiben. Wichtige Fragen sind hier zum Beispiel: Was denke ich nun über meinen Text? Auf welche Stärken und auf welche Schwächen hat mich das Gutachten aufmerksam gemacht? Was würde ich nun gerne ändern und welche Schritte wären dafür notwendig? Was ist mir an dem Text besonders wichtig? Woran möchte ich unbedingt festhalten, und was sagen die Gutachter:innen zu diesen Punkten? Idealerweise kann ein solches eher freies Nachdenken verhindern, dass man sich sofort festbeißt. Vielmehr erlaubt es einem, das Gutachten als Chance für ein erneutes Nachdenken über das Thema und den Text zu sehen.

Schwierig wird es auch, wenn einem die Kommentare der Gutachter:innen schwer verständlich oder irgendwie verfehlt vorkommen. Das hat oft wieder unmittelbar mit der Anonymität zu tun. Letztendlich liest jeder und jede von uns Texte ein bisschen anders, weil wir eine andere Forschungsbiographie und -ausrichtung haben. Was uns negativ oder auch positiv auffällt, ist oft auch das Produkt unserer individuellen Expertise. Für die Autor:innen ergibt sich daraus eine Schwierigkeit, denn manchmal ist es gar nicht so einfach, die Kommentare einer Person richtig zu deuten, deren Expertise man nicht kennt.

Deshalb sollte man sich, bevor man mit dem Überarbeiten anfängt, ein paar Gedanken darüber zu machen, wer der Gutachter bzw. die Gutachterin des Artikels sein könnte. Dabei geht es nicht darum, das Gutachten mit einer bestimmten Person zu verknüpfen (à la „Wer mag das wohl gewesen sein?“). Das gelingt sowieso fast nie, denn die Forschungswelt ist viel zu groß und unübersichtlich. Trotzdem kann es eine gute Idee sein zu überlegen, welche Expertise die Person offenbar hat, aus welcher Perspektive sie das Gutachten schreibt und welche (versteckten) Annahmen sie macht. Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen werden einzelne Anmerkungen oft plötzlich viel einleuchtender und damit wird es zugleich auch einfacher, angemessen und überzeugend darauf zu reagieren.

Motiviert bleiben in der Feedback-Schleife

Anstrengend bleiben die Verfahren, auch wenn man den ein oder anderen Schreibtrick zum Einsatz bringt. Manchmal ist es nicht mit einem Korrekturdurchgang getan, der Artikel bleibt oft Monatelang im Verfahren hängen. Viele lassen sich von diesen langen Schleifen entmutigen. Sie reichen einmal einen Artikel ein und dann nie wieder, weil die Erfahrung der Ablehnung zu schmerzlich war, die Dauerkritik nervt, das Selbstbewusstsein schwindet usw. Und tatsächlich, so ein negatives Gutachten kann einen ganz schön runterziehen.

Oft sind diese negativen Reaktionen auch Teil einer Fehlinterpretation. Man liest die Gutachten so, als würde es hier um einen selbst gehen oder als würde man als Forscher:in evaluiert („setzen sechs, das war wohl nichts…“). Wer so denkt, versteht aber den Gedanken hinter der Blindbegutachtung nicht richtig, denn genau darum (also um Personen, ihr Ansehen usw.) soll es hier ja gerade nicht gehen. So zu denken ist also nicht nur demotivierend, sondern auch falsch.

Viel besser ist es, wenn man das Hin und Her, die Gutachten und Überarbeitungsdurchgänge einfach als Teil eines Prozesses begreift, an dessen Ende irgendwann ein fertiger Artikel steht. Dieser Prozess kann unterschiedlich beschwerlich sein und unterschiedlich lange dauern – je nach Thema, Expertise und beteiligten Parteien. Immer geht es aber darum, einen Text Stück für Stück besser zu machen – indem man andere Positionen stärker berücksichtigt, seine Methode überdenkt usw. Und umso zufriedener kann man sein, wenn es der eigene Text dann nach manchmal doch sehr langen Mühen durch die Feuertaufe geschafft hat. Oft zeigt sich beim Endprodukt, dass sich die Mühen gelohnt haben und der Text tatsächlich sehr viel besser ist, als er es zu Beginn war.

Literaturtipps zu B wie Blind-Begutachtung

  • Joshua Schimmel, Writing Science, Oxford University Press 2011
    Schimmels Buch enthält eine Fülle von Anregungen für das Schreiben von Fachaufsätzen. Zentral ist für ihn die Frage, warum manche Artikel viel zitiert werden, während andere direkt nach der Publikation in der Versenkung verschwinden. Das Buch enthält zahlreiche Anregungen zum Nachdenken über unterschiedliche Journal-Formate und wie man das jeweilige Publikum angemessen adressieren kann. Eine Fundgrube für alle, die sich in Peer-Review-Verfahren behaupten müssen.
  • Christine L. Williams, The Case Against Revise and Resubmit, https://blogs.lse.ac.uk/impactofsocialsciences/2022/05/26/the-case-against-revise-and-resubmit/
    Die London School of Economics unterhält schon seit Jahren diesen sehr guten Blog zum Themenfeld Forschen und Veröffentlichen in den Sozialwissenschaften. In diesem kurzen Beitrag zur Debatte über die Organisation von Blindbegutachtungen schlägt Williams vor, nur noch zwei mögliche Antworten auf ein eingereichtes Paper zuzulassen – conditional acceptance oder reject. Auch wenn nicht alle zustimmen mögen, der Beitrag liefert viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren.
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Schreiben, aber wie?

Kleines Dissertations-ABC: A wie Anfangen…

„Früh mit dem Schreiben anfangen“ ist ein Tipp, der sich in fast jedem Ratgeber zum Verfassen von Dissertationen findet. Früh anfangen ist natürlich immer fein – aber was heißt denn „früh“? Ist es sinnvoll, mit dem Schreiben einer Dissertation anzufangen, wenn nicht einmal das Inhaltsverzeichnis (so halbwegs) steht? Vertut man nicht einfach massig Zeit mit dem Abfassen von Texten, die dann doch nicht ihren Weg ins Buch oder in den Artikel finden? Und führt das oft nicht einfach nur zu Frust?

Erst Denken, dann Schreiben. So lautet ein zweiter Tipp, den man häufig im wissenschaftlichen Umfeld hört. Erst wenn das Inhaltsverzeichnis, das Argument, das Konzept für die Dissertation steht – so die Überlegung –,­ kann man sinnvollerweise anfangen, das Ganze zu Papier zu bringen. „Ich schreibe meistens nur eine Niederschrift“ hat etwa Hannah Arendt in dem berühmten Interview mit Günter Gaus über ihren Arbeitsprozess gesagt. Auch das suggeriert wieder: Erst wenn man alles wirklich klar, das ganze Material gesammelt und sortiert hat – erst dann sollte man sinnvollerweise mit dem Schreiben beginnen.

Jeder schreibt ein bisschen anders

Was stimmt denn nun? Früh schreiben oder erst, wenn die Struktur steht und alle wichtigen Fragen geklärt sind? Die Antwort ist aus meiner Sicht nicht ganz so einfach, wie die beiden Extrempositionen vermuten lassen. Schreiben ist ein sehr individueller Prozess, der viel mit der eigenen Schreibbiographie, dem Thema und den Schreibgewohnheiten zu tun hat. Es gibt Schreibende, die mehr planen müssen, weil sie der Weg ins Unbekannte mehr stresst als beflügelt, und andere, die fröhlich und ohne jeden Plan ins Blaue hinein schreiben (und die sich durch einen zu genauen Plan eher angebunden als gestützt fühlen). Beides – das Losschreiben und das umfassenden Planen – kann zum Erfolg führen. Ein klares „Richtig“ oder „Falsch“ gibt es hier also nicht.

Aber – und das ist ein großes Aber: Es gibt Schreibstrategien, die für kurze Texte wunderbar funktionieren können, bei langen Texten aber erschreckend oft ins Abseits führen. Dazu gehört der Versuch, den ganzen Text komplett planen zu wollen, bevor man mit dem Schreiben beginnt. Bei 15 oder 20 Seiten geht das noch ganz gut. Bei 150 oder 200 Seiten kommt die Strategie an ihr Ende. Niemand hat so einen Text komplett vor Augen und im Griff. Natürlich kann man Glück haben und man muss den eigenen Plan nur hier und da ein bisschen anpassen. Aber mit etwas Pech hat man zwei Jahre Planungszeit investiert, um dann beim Schreiben festzustellen, dass der wunderschöne Plan gar nicht aufgeht, weil Kapitel 2 & 3 sich widersprechen, Kapitel 4 jetzt doch überflüssig erscheint und Kapitel 5 einen dicken Denkfehler enthält.

Schreiben ist nicht gleich Schreiben

Hannah Arendt hat doch aber auch so gearbeitet… Tja, im Interview behauptet sie das, das stimmt. So ganz der Wahrheit entspricht es allerdings vermutlich nicht. Denn neben vielen Briefen, in denen Arendt auch über ihre Projekte spricht, hat sie auch zahlreiche Hefte hinterlassen, die sie auch als „Denktagebuch“ bezeichnet hat. Hier hat sie prägnante Formulierungen, Zitate und Überlegungen notiert, die oft später in ihre Bücher eingeflossen sind. Das heißt, auch Arendt hat nicht ausschließlich in ihrem Kopf geplant. Sie hat über schon über ihre Themen geschrieben, bevor sie mit der eigentlichen Niederschrift begonnen hat. Nur hat sie das eben nicht direkt in Manuskriptform getan. Vermutlich erwähnt sie es deshalb auch im Interview gar nicht. Sie hat diese kleinen „Fingerübungen“ oder das schriftliche Fixieren von „Denkresultaten“ vermutlich einfach nicht als „echtes Schreiben“ betrachtet.

Früh Anfangen mit dem Schreiben muss also nicht unbedingt bedeuten, dass man schon ein klares Ziel vor Augen hat. Schreiben kann auch zunächst als Denkwerkzeug genutzt werden, um Klarheit darüber zu bekommen, wohin die Reise denn nun gehen soll. Früh Schreiben muss also nicht bedeuten, dass man sofort mit der Arbeit am Manuskript beginnt. Es kann zunächst auch einfach ein Weg hinein in die gedankliche Auseinandersetzung mit einem Thema sein.

„Ja, mach nur einen Plan…“ (Bertolt Brecht)

Aber auch das Losschreiben ohne jeden Plan kann Tücken bergen. Schlimmstenfalls sitzt man am Ende mit einem langen Manuskript ohne jede Struktur und Richtung da. Auch das kann ganz schön belastend sein. Deshalb kann es gerade für diejenigen, die gleich mit dem Schreiben anfangen wollen, wichtig sein, zwischendrin auch immer mal wieder Zeit zum Planen einzubauen. Der Plan selbst ist hier nicht etwas Statisches, das man dann am Ende einfach abarbeitet. Er wächst und ändert sich Stück für Stück während des Schreibens – Planlos ist man aber deshalb trotzdem nicht, und das ist wichtig.

Frühes Schreiben und umfassendes Planen schließen sich also überhaupt nicht aus – und am besten fährt man, wenn man beides zum festen Bestandteil seines Arbeitsprozesses macht.

Literaturtipps zu A wie Anfangen…

  • Hannah Arendt, Denktagebuch, Piper 2020.
    Nicht nur etwas für Arendt-Fans. Eine schöne Gelegenheit, das Denken und Schreiben dieser wichtigen Philosophin neu zu entdecken.
  • Peter Elbow, Writing with Power, Oxford University Press 1998.
    Der Klassiker der Schreibdidaktik. Ein fantastisches Buch mit einem fantastischen Titel! Elbow bietet wunderbare Schreibprompts an, die einem helfen, früh ins eigene Schreiben einzusteigen, ohne schon unmittelbar mit der Arbeit am Text beginnen zu müssen. Außerdem warnt er eindrücklich davor, ewig zu planen und dann alles in nur einem Wurf zu Papier bringen zu wollen.
  • Eviatar Zerubavel, The Clockwork Muse: A Practical Guide to Writing Theses, Dissertations, and Books, Harvard University Press 1999.
    Zerubavel gewährt uns einen Blick in seine Schreibwerkstatt. Er beginnt sehr früh mit der Arbeit am Manuskript und arbeitet sich dann in mehreren Schleifen durch den ganzen Text. Nach jedem Durchgang passt er auch das Inhaltsverzeichnis und den Gesamtplan an.
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