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Schreiben, aber wie?

Kleines Dissertations-ABC: B wie Blind-Begutachtung…

Warum denn blind?

Es wird zunehmend üblich, schon während der Promotionsphase Artikel bei Fachzeitschriften einzureichen. Artikel in Fachzeitschriften sind wichtig – natürlich zuerst einmal für diejenigen, die kumulativ promovieren, zum anderen aber auch für alle, die nach der Promotion gerne in der Forschung bleiben wollen. Wer es schafft, einen Artikel in einer renommierten Zeitschrift unterzubringen, der beweist, dass seine Ideen in der größeren Forschungscommunity als relevant eingestuft werden.

Damit kommt ein wichtiges Thema ins Spiel: die Blindbegutachtung. Tatsächlich gilt inzwischen in vielen Fächern die sogenannte „doppelblinde“ Begutachtung (double blind peer review) als Goldstandard. Damit ist gemeint, dass sowohl die Gutachter:innen wie auch die Begutachteten im Prozess anonym bleiben. Wer begutachtet wird, weiß also nicht, wer das Gutachten verfasst hat, und wer gutachtet, weiß nicht, von wem der Artikel stammt.

Das Verfahren ist beliebt, weil es eine objektive Sicht auf die wissenschaftliche Qualität der eingereichten Artikel verspricht. Selbst bei einem negativen Gutachten müssen die Gutachter:innen keine negativen Konsequenzen fürchten. Sie kommen auch gar nicht erst in Versuchung, einen Artikel nur aus Gefälligkeit positiv zu evaluieren. Vielmehr können sie sich ganz auf die Fragen konzentrieren, die zählen: Leistet dieser Artikel einen wichtigen Beitrag zur Forschungslandschaft? Schließt er eine (relevante) Wissenslücke? Ist er gut gearbeitet?

Es gibt also gewichtige Gründe, die für diese Form der Begutachtung sprechen. Trotz dieser offenkundigen Vorteile wird auch immer wieder Kritik an dem Verfahren geäußert. Und ja, sicherlich, es gibt auch Nachteile: Einerseits sind Gutachter:innen Menschen mit bestimmten wissenschaftlichen Positionen. Auch wenn sie sich größte Mühe geben, offen und fair zu sein, so ist doch fraglich, ob das immer gelingt. Oft ist es deshalb leichter, einen Artikel zu veröffentlichen, der die bestehende, vorherrschende Meinung bestätigt als einen, der sie weitreichend hinterfragt. Kritiker:innen werden deshalb auch nicht müde, auf gelobte und häufig zitierte Artikel zu verweisen, die im „Peer Review Verfahren“ zunächst scheppernd durchgefallen sind.

Ich will diese größeren Fragen über Sinn und Unsinn, Vor- und Nachteile von Peer-Review hier beiseitelassen. Stattdessen geht es mir um die Frage, welche praktischen Schwierigkeiten für die Schreibenden bei der Auseinandersetzung mit den Gutachten auftreten und wie man trotzdem produktiv damit umgehen kann.

„I hate rejections…”

„I hate rejections. I hate them and I get them all the time” sagte einmal ein höchst renommierter Kollege mit entwaffnender Ehrlichkeit zu mir. Viele Forscher:innen sind da weniger offen. Aber unabhängig davon, ob sie es nun zugeben oder nicht, die Ablehnungsquoten renommierter Journale sprechen ohnehin eine deutliche Sprache: Die meisten Artikel werden einmal oder sogar mehrfach abgelehnt, bis sie dann einige Runden später endlich publiziert werden. Auf Absagen muss man sich also einstellen. Rein idealistisch betrachtet ist eine Ablehnung ja auch nichts Schlimmes. Eine Absage sagt erstmal nur: Der Artikel ist noch nicht so weit. Wir müssen weiter an ihm feilen, weiter planen und schreiben, um dann, in der nächsten Runde, hoffentlich erfolgreich zu sein.

Allerdings gibt es Arten der Absage, die den Forschenden viel abverlangen. Es kursieren jede Menge Horror-Geschichten über abwertende und demotivierende Gutachterkommentare. Das ist wohl die Kehrseite der Anonymität: Manche Gutachter:innen nutzen die Gelegenheit schamlos aus, um sich noch einmal schriftlich der eigenen Überlegenheit zu versichern. Das ist natürlich unangenehm und unprofessionell. Manche Zeitschriften haben inzwischen auf diesen Missstand reagiert und geben Gutachter:innen einen detaillierten Leitfaden an die Hand. Das ist hilfreich, aber hier müsste sicherlich noch mehr passieren. Dazu würde eine breitere Diskussion darüber beitragen, was ein „gutes Gutachten“ eigentlich auszeichnet, genauso wie geeignete Schreibworkshops für Doktorand:innen und Postdocs (die ja nicht nur Begutachtete, sondern oft durchaus schon auch Gutachtende sind).

Revise and Resubmit – ohne Schreibblockade und Verzweiflung

Auch wohlmeinende und sachlich fundierte Gutachten stellen Autor:innen nicht selten vor gravierende Schwierigkeiten. Ein Problem liegt hier schlicht in der Natur der Sache. Oft schlagen Gutachter:innen sehr weitreichende Veränderungen des Artikels vor. Nun hat man aber meist schon vor Abgabe ziemlich lange daran gesessen, sich Gedanken gemacht, was wo hinkommt, welche Argumente man vorbringen und welche man eher beiseitelassen will usw. Zu diesem Zeitpunkt ist es schwierig, noch einmal so weitreichend in einen Text einzugreifen, den man für sich selbst ja schon als „fertig“ deklariert hat. Es droht die „revise and resubmit“ Denk- und Schreibblockade.  

Möchte man diesen unproduktiven Zustand vermeiden, muss man irgendwie dahin zurück, das Geschriebene wieder als offen, als Entwurf und als (um-)gestaltbar zu begreifen. Hier kann es helfen, den Text selbst zunächst beiseitezulegen, und erstmal frei reflektierend über das Gutachten und den eigenen Artikel zu schreiben. Wichtige Fragen sind hier zum Beispiel: Was denke ich nun über meinen Text? Auf welche Stärken und auf welche Schwächen hat mich das Gutachten aufmerksam gemacht? Was würde ich nun gerne ändern und welche Schritte wären dafür notwendig? Was ist mir an dem Text besonders wichtig? Woran möchte ich unbedingt festhalten, und was sagen die Gutachter:innen zu diesen Punkten? Idealerweise kann ein solches eher freies Nachdenken verhindern, dass man sich sofort festbeißt. Vielmehr erlaubt es einem, das Gutachten als Chance für ein erneutes Nachdenken über das Thema und den Text zu sehen.

Schwierig wird es auch, wenn einem die Kommentare der Gutachter:innen schwer verständlich oder irgendwie verfehlt vorkommen. Das hat oft wieder unmittelbar mit der Anonymität zu tun. Letztendlich liest jeder und jede von uns Texte ein bisschen anders, weil wir eine andere Forschungsbiographie und -ausrichtung haben. Was uns negativ oder auch positiv auffällt, ist oft auch das Produkt unserer individuellen Expertise. Für die Autor:innen ergibt sich daraus eine Schwierigkeit, denn manchmal ist es gar nicht so einfach, die Kommentare einer Person richtig zu deuten, deren Expertise man nicht kennt.

Deshalb sollte man sich, bevor man mit dem Überarbeiten anfängt, ein paar Gedanken darüber zu machen, wer der Gutachter bzw. die Gutachterin des Artikels sein könnte. Dabei geht es nicht darum, das Gutachten mit einer bestimmten Person zu verknüpfen (à la „Wer mag das wohl gewesen sein?“). Das gelingt sowieso fast nie, denn die Forschungswelt ist viel zu groß und unübersichtlich. Trotzdem kann es eine gute Idee sein zu überlegen, welche Expertise die Person offenbar hat, aus welcher Perspektive sie das Gutachten schreibt und welche (versteckten) Annahmen sie macht. Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen werden einzelne Anmerkungen oft plötzlich viel einleuchtender und damit wird es zugleich auch einfacher, angemessen und überzeugend darauf zu reagieren.

Motiviert bleiben in der Feedback-Schleife

Anstrengend bleiben die Verfahren, auch wenn man den ein oder anderen Schreibtrick zum Einsatz bringt. Manchmal ist es nicht mit einem Korrekturdurchgang getan, der Artikel bleibt oft Monatelang im Verfahren hängen. Viele lassen sich von diesen langen Schleifen entmutigen. Sie reichen einmal einen Artikel ein und dann nie wieder, weil die Erfahrung der Ablehnung zu schmerzlich war, die Dauerkritik nervt, das Selbstbewusstsein schwindet usw. Und tatsächlich, so ein negatives Gutachten kann einen ganz schön runterziehen.

Oft sind diese negativen Reaktionen auch Teil einer Fehlinterpretation. Man liest die Gutachten so, als würde es hier um einen selbst gehen oder als würde man als Forscher:in evaluiert („setzen sechs, das war wohl nichts…“). Wer so denkt, versteht aber den Gedanken hinter der Blindbegutachtung nicht richtig, denn genau darum (also um Personen, ihr Ansehen usw.) soll es hier ja gerade nicht gehen. So zu denken ist also nicht nur demotivierend, sondern auch falsch.

Viel besser ist es, wenn man das Hin und Her, die Gutachten und Überarbeitungsdurchgänge einfach als Teil eines Prozesses begreift, an dessen Ende irgendwann ein fertiger Artikel steht. Dieser Prozess kann unterschiedlich beschwerlich sein und unterschiedlich lange dauern – je nach Thema, Expertise und beteiligten Parteien. Immer geht es aber darum, einen Text Stück für Stück besser zu machen – indem man andere Positionen stärker berücksichtigt, seine Methode überdenkt usw. Und umso zufriedener kann man sein, wenn es der eigene Text dann nach manchmal doch sehr langen Mühen durch die Feuertaufe geschafft hat. Oft zeigt sich beim Endprodukt, dass sich die Mühen gelohnt haben und der Text tatsächlich sehr viel besser ist, als er es zu Beginn war.

Literaturtipps zu B wie Blind-Begutachtung

  • Joshua Schimmel, Writing Science, Oxford University Press 2011
    Schimmels Buch enthält eine Fülle von Anregungen für das Schreiben von Fachaufsätzen. Zentral ist für ihn die Frage, warum manche Artikel viel zitiert werden, während andere direkt nach der Publikation in der Versenkung verschwinden. Das Buch enthält zahlreiche Anregungen zum Nachdenken über unterschiedliche Journal-Formate und wie man das jeweilige Publikum angemessen adressieren kann. Eine Fundgrube für alle, die sich in Peer-Review-Verfahren behaupten müssen.
  • Christine L. Williams, The Case Against Revise and Resubmit, https://blogs.lse.ac.uk/impactofsocialsciences/2022/05/26/the-case-against-revise-and-resubmit/
    Die London School of Economics unterhält schon seit Jahren diesen sehr guten Blog zum Themenfeld Forschen und Veröffentlichen in den Sozialwissenschaften. In diesem kurzen Beitrag zur Debatte über die Organisation von Blindbegutachtungen schlägt Williams vor, nur noch zwei mögliche Antworten auf ein eingereichtes Paper zuzulassen – conditional acceptance oder reject. Auch wenn nicht alle zustimmen mögen, der Beitrag liefert viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren.
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