Kategorien
Schreiben, aber wie?

Kleines Dissertations-ABC: F wie Fragen

Es wird oft gesagt, dass eine gute Forschungsfrage das A und O eines gelungenen Dissertationsprojektes sei. Und tatsächlich: Ohne eine gute Ausgangsfrage ist es kaum möglich, ein solches Forschungsprojekt erfolgreich zu Ende zu bringen. Es ist also wichtig, sich vorab im Klaren darüber zu sein, was eine gute Frage auszeichnet – bzw. was mit „gut“ hier eigentlich gemeint ist.

Interesse an der Forschungsfrage

Eine gute Forschungsfrage passt zu den Interessen des oder der Forschenden. Das ist das Wichtigste überhaupt. Und dennoch wird manchmal so getan, als dürften solche subjektiven Faktoren in der streng objektiven Wissenschaft gar keine Rolle spielen. Ich halte das für Unsinn: Eine Dissertation ist ein Vollzeitjob, der mindestens drei Jahre Lebenszeit beanspruchen wird (häufig sogar mehr). Promovierende verbringen  viele, viele Stunden allein mit ihrem Projekt – Montag bis Freitag, aber auch an Wochenenden und in der Ferienzeit. Das kann nur dann funktionieren, wenn sie sich wirklich brennend für das interessieren, was sie erforschen. Alles andere führt auf Abwege (egal wie wichtig die behandelte Frage objektiv gesprochen auch sein mag).

Tatsächlich starten Promovierende in der Regel mit einer (oft noch sehr vagen) Projektidee in ihre Dissertationszeit, die sie aus eigenem Interesse verfolgen. Das gilt natürlich ganz besonders für die Geistes- und Sozialwissenschaften, wo es vielfach üblich ist, mit einem eigenen Themenvorschlag an potentielle Betreuer:innen heranzutreten. Interesse sollte also in dieser Arbeitsphase meist gegeben sein. So einfach bleibt die Sache aber leider nicht: Ein wesentliches Problem ist, dass gerade besonders wohlmeinende Betreuer:innen diese ursprünglichen Pläne nicht selten durchkreuzen,  zum Beispiel weil sie gerade Mittel für eine Doktorandenstelle eingeworben haben, die sich aber leider mit einem ganz anderen Themenfeld beschäftigt. Manchmal tun sie es auch, weil sie der Ansicht sind, dass das zunächst vorgeschlagene Thema nicht gefragt ist (der Doktorand oder die Doktorandin also Gefahr läuft, nach erfolgreicher Disputation keine Anschlussstelle zu erhalten). Manchmal fühlen sich Betreuer:innen im vorgeschlagenen Themenfeld auch nicht sicher genug und fürchten, die Dissertation nicht gut begleiten zu können. Und so sind Doktrand:innen nicht selten mit der Anforderung konfrontiert, ihr Thema noch einmal neu und unter Berücksichtigung der Vorgaben der Betreuer:innen abzustecken.

Aber auch wenn es oft gute Gründe gibt, die eigene Themenwahl noch einmal zu überdenken oder anzupassen, so gilt auch hier: Das neue Thema bzw. die neue Fragestellung muss den Doktoranden oder die Doktorandin ebenfalls brennend und nachhaltig interessieren. Sonst wird das nichts – Stellenangebot, tolle Arbeitsgruppe oder schwierige Arbeitsmarktlage hin oder her. Es lohnt sich, hier ehrlich zu sich selbst zu sein. So wie es Stellen gibt, die nicht zu einem passen, so gibt es auch Forschungsprojekte, für die man einfach nicht der oder die Richtige ist.

Es ist also besser, hier noch einmal das Gespräch mit den Betreuenden zu suchen oder vielleicht die Arbeit doch anderswo anzudocken, als sich hier auf allzu große Kompromisse einzulassen, denn im schlimmsten Fall zahlt man hier ein horrendes Lehrgeld: drei (oder mehr) Jahre konstante Langeweile und mittelmäßige Forschungsergebnisse sind kein erstrebenswertes Ziel. Ein bisschen Pragmatismus darf bei der Themenwahl und der Formulierung der Forschungsfrage durchaus sein. Aber zu viel Pragmatismus in der Anfangsphase rächt sich früher oder später.

Anschlussfähigkeit an die Forschungscommunity

Das persönliche Interesse ist zentral, aber niemand forscht für sich allein. Es geht immer auch darum, ein Forschungsdesiderat in einer bestimmten Forschungscommunity zu erkennen. Denn letztendlich zahlt sich der Einsatz von Lebenszeit und Arbeitskraft doch primär dann aus, wenn die Dissertation auch irgendetwas bewirkt, wenn sie also von anderen gelesen und wahrgenommen wird. Und das passiert am ehesten dann, wenn andere sie als nützlich und hilfreich für ihre eigene Arbeit betrachten.

Diese Anforderung führt häufig in scheinbare Konflikte. Oft denken Promovierende, sie müssen ein ganz neues Themenfeld „entdecken“ oder eine Arbeit zu etwas schreiben, zu dem es noch kaum Forschung gibt. Natürlich ist das nicht ganz falsch. Für das Wiederkauen von bereits Bekanntem gibt es keine Titel, aber entscheidend ist bei aller Innovation dennoch, dass man anschlussfähig bleibt und anderen verdeutlichen kann, wo die Verbindung zu dem bereits Erforschten besteht. Die verfolgte Frage sollte also in diesem Sinne an die aktuellen Entwicklungen im Feld angebunden sein. Das ist aber nicht nur wichtig, damit man wahrgenommen und zitiert wird. Man braucht im Rahmen eines solchen Projektes immer auch Personen, die einem Rückmeldung zu dem bereits Erarbeiteten geben. Wenn man sich allzu weit weg von den Interessen anderer Forschender bewegt, dann ist das nicht mehr gegeben.

Es geht hier nicht darum, einfach mit dem Strom zu schwimmen. Forschungskonjunkturen kommen und gehen. Deshalb tut man gut daran, ihnen nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Aber man sollte sich schon fragen, mit wem man über das Themenfeld gerne in Austausch treten würde und warum die gewählte Forschungsfrage genau für diese Personengruppe interessant sein sollte.

Eingrenzung der Forschungsfrage

Eine gute Forschungsfrage für eine Dissertation muss in der begrenzten zur Verfügung stehenden Zeit beantwortbar sein. Das bedeutet vor allem, dass sie eng gefasst sein muss. Es ist ganz klar, dass am Anfang eines Projektes die Fragen noch sehr weit und offen formuliert sind. Genau so klar ist es aber auch, dass man gut daran tut, sie im Laufe des ersten Dissertationsjahres immer enger und genauer zu fassen. Das erfordert natürlich Mut, denn es bedeutet, dass man Vieles, was irgendwie auch thematisch interessant sein könnte, einfach links liegen lässt. Es ist deshalb hilfreich, sich erstens klar zu machen, dass man mit einer Dissertation vor allem zum Experten bzw. zur Expertin in einem bestimmten Teilbereich des Faches wird. Es geht hier insgesamt mehr um Tiefe als um Breite. Zweitens sollte man sich vor Augen führen, dass viele Dissertationen deshalb nicht fertig werden, weil das Thema schlicht zu breit und zu wenig konturiert war. Frühe Eingrenzung macht einen zügigen Abschluss des Projektes sehr viel wahrscheinlicher.

Die Möglichkeiten zur Eingrenzung sind vielfältig und stark vom Forschungsfeld abhängig. Bei historischen Arbeiten kann man sich behelfen, in dem man nur einen eingeschränkten Zeitraum oder einen begrenzten geographischen Raum in den Blick nimmt. In den Literaturwissenschaften kann man sich häufig auf eine Autor:innengruppe konzentrieren (sofern man diese Entscheidung gut erklären kann). In anderen Fächern ist nicht so sehr die Auswahl des Materials, sondern vielmehr die der Methoden für eine Eingrenzung von Nutzen. Vielfach wird dadurch die Perspektive festgelegt, die man auf das Thema einnimmt (und damit auch eine entscheidende Eingrenzung vorgenommen).

Gerade in den Geisteswissenschaften wird Doktorand:innen manchmal suggeriert, sie hätten es mit der Einengung des Themas übertrieben, und ihre Arbeit wäre nicht mehr interessant, weil sie sich ja „nur“ mit einem kleinen Ausschnitt eines Problems oder einer historischen Entwicklung befasse. Natürlich kann so etwas passieren, aber nach meiner Erfahrung ist es eher die Ausnahme als die Regel. Häufig lassen sich diese Sorgen dadurch ausräumen, dass man die größeren Implikationen des Themas ausweist. Wenn man sich beispielsweise nur mit einer spezifischen Fallstudie befasst, dann tut man gut daran, zugleich auch aufzuzeigen, warum die betrachteten Fälle wichtig sind (zum Beispiel, weil sie stellvertretend für viele andere stehen). Solange man seine Auswahl gut erklären kann und die Anschlussfähigkeit an die schon bestehende Forschung aufrechterhält, sollte es also auch mit einer sehr strikten Eingrenzung keine Probleme geben.

Literatur und Angebote zu F wie Fragen

  • Wayne C. Booth, Gregory G. Colomb, Joseph M. Williams, Joseph Bizup, William T. Fitzgerald, The Craft of Research, University of Chicago Press 2016.
    Die Autoren stellen sehr gute Übungen zur Verwandlung eines noch weitgefassten Themas in eine konkrete Fragestellung vor. Das Buch ist zu Recht ein echter Klassiker unter den Forschungsratgebern und ist für Doktorand:innen aller Fächer empfehlenswert.

  • In meinem Kompaktkurs „Präzise Forschungsfragen entwickeln“ geht es darum, das eigene Nachdenken über das „richtige“ Framing der Forschungsfrage durch ausgewählte Schreibübungen anzuregen. Fragen der Machbarkeit und der Anknüpfung an die bestehende Forschungslandschaft werden hier genauso berücksichtigt, wie das eigene Interesse und die bisherige Forscher:innenbiographie.
WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner